Wir haben uns dafür entschieden, einen weiteren Song vorzustellen. Er hört auf den Namen „Leise rieselt der Staub“. Nein, das Stück ist nicht neu, es ist sogar ziemlich alt. Ursprünglich lag dem ein englischer Text zugrunde, der mit dem Titel „Of Lion and Snake“ überschrieben war. Weil uns das schon damals nicht gefiel, entstand ein neuer Text. Fortan hieß die Nummer „Liberty“ und war noch immer in englisch verfasst. Wir gehörten also zur noch immer weit überwiegenden Masse der Bands, die sich international geben wollten. Das schlug sich auch in der Struktur des Songs nieder, von der in der jetzigen Version kaum noch etwas vorhanden ist. Wir orientierten uns damals – trotzdem wir schon immer sehr viel elektronischer waren – eher an den hymnischen Klängen des „…and Justice for all“-Albums von Metallica und waren kurzzeitig irgendwie der Meinung, dass eine Nummer, die „Liberty“ heißt in keinem Fall kürzer als 8 Minuten sein dürfe. Naja. So war das eben.
Das prägende Gitarrenriff ist erhalten geblieben; im Wesentlichen auch die Melodie. Allerdings sind ganze Parts, Brücken und Soli gestrichen worden. Daraus entstand letztendlich die jetzige kompakte Version mit deutschem Text, wie sie jetzt vorgestellt werden kann.
Selbst der deutsche Text wurde inzwischen abgeändert. Dort, wo Howie jetzt als Reim auf „Alles gefriert“ singt: „Der Boden vibriert“, sang er früher „Die Sonne verliert“. Klar, dass es dort Nachbesserungsbedarf gab. Zugleich hat das eine neue „Herausforderung“ mit sich gebracht. Bei der Aufnahme von Gesang geht es immer auch um Silbenverständlichkeit. Wenn man im jetzigen Text nur beiläufig hinhört, könnte man auch meinen, dass Howie intoniert: „Der Hoden vibriert“. Als wir das bemerkten, haben wir uns kaputtgelacht und beschlossen, dass das – natürlich – so bleiben muss. Wer statt Boden trotzdem Hoden versteht, hat unzüchtige Gedanken. Egal.
Die Struktur des Songs folgt nach wie vor nicht dem üblichen Muster. Üblicherweise beginnt man einen Song moderat, baut den Sound in den Strophen und Brücken auf und lässt soviel Steigerung zu, dass der Refrain den Höhepunkt bildet. Wir gehen hier umgekehrt vor: die Strophen sind vergleichsweise opulent instrumentiert, dafür bleibt der Refrain einigermaßen sanft und ist weitgehend sogar vom Schlagzeug befreit. Auch dafür gibt es natürlich Vorbilder, z.B. bei „The Unforgiven“ von Metallica oder „Minor Earth, Major Sky“ von a-ha. Auch dort wird im Refrain zurückgeschaltet. So häufig kommt das in der Musik nicht vor. Wir haben versucht, in eine ähnliche Richtung zu gehen und trotzdem alles ganz anders zu machen. „Leise rieselt der Staub klingt weder nach Metallica noch nach a-ha. Und das ist gut so.
Der Song gehörte zu den ersten, die wir überhaupt aufgenommen haben. In der Euphorie haben wir ihn gleich benutzt, um ihn der Öffentlichkeit vorzustellen. Das Magazin „Sonic Seducer“ startete vor einiger Zeit einen Wettbewerb namens „Battle of the Bands“, an dem wir teilnahmen (ist schon ein paar Jahre her). Damals schickten wir einfach drei Stücke, die gerade fertig waren, an die Redaktion und bekamen relativ schnell die Antwort, dass „Leise rieselt der Staub“ im Rennen sei. Das hat uns deshalb überrascht, weil wir die anderen beiden Stücke viel besser fanden. Inzwischen wissen wir, dass es durchaus größere Unterschiede darin geben kann, welche Songs von der Band selbst und den Hörern bevorzugt werden. Neutrale Ohren beurteilen die Dinge immer etwas anders. Das macht auch einen besonderen Reiz aus. Gerade deshalb sind wir auf jede Form der Resonanz immer sehr gespannt.
Jedenfalls waren wir ziemlich froh, in einer Ausgabe des Sonic Seducer – immerhin ein etabliertes Magazin – zu landen. Ein bisschen Enttäuschung machte sich breit, als wir zur Kenntnis nehmen mussten, lediglich im Rahmen einer sehr umfassenden MP3-Zusammenstellung als eine von (ca.) 100 (?) Bands aufzutauchen. Unser Song kam, glaube ich, an 59. (?) Stelle. Dort dürfte ihn kaum jemand bemerkt haben. Wir mussten ja selbst suchen. Der geneigte Verbraucher ist sicher nicht gewillt, sich hintereinander 59 Lieder von Bands anzuhören, die er überhaupt nicht kennt. Der Musik-Konsument ist anspruchsvoll und kommt gern auf seine gewohnten Lieblinge zurück. Das ist auch völlig in Ordnung. Es geht uns ja selbst so.
Neue Acts haben es schwer. Keine Chance haben sie, wenn sie an versteckter Stelle eines beliebigen Dateien-Verzeichnisses landen. Aber auch das ist kein Problem, schließlich waren ganz viele Bands mit dem Ziel angetreten, von den Leuten gehört zu werden. Insofern waren wir einfach Teil der Schicksalsgemeinschaft ambitionierter Bands, die einfach ein wenig zur Kenntnis genommen werden wollen.
Die Musiklandschaft ist traditionell breit und unübersichtlich. Das macht es für viele nicht leichter. Es gibt wenige Platzhirsche. In der Masse an Bands sind die meisten kaum erkennbar. Wer in diesem unwegsamen Terrain nur ganz kurz bemerkt wird, hat schon viel erreicht…
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